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Performance Anne Rochat

 

Performance Anne Rochat

Dienstag, 6. Mai, 12.00 Uhr, Waisenhausplatz Bern

 

Die Protagonistin reisst sich in den Abgrund

Text: Delphine Coindet www.delphine-coindet.net, Übersetzung ins Deutsche: Helena Nyberg

«Im Streben nach mehr Dominanz zerstört ein Reich viele Kulturen, aber irgendwann geht es selbst zugrunde. Kein Land und kein Verband von Ländern kann lange Zeit von der Ausbeutung anderer leben.» (Textauszug aus John Perkins: “Bekenntnisse eines Economic Hit Man”)

Auf der Bühne erstreckt sich vier Meter über dem Boden eine runde Plane im Durchmesser von sieben Metern.
Auf der Plane erscheint eine scheinbar zufällige Komposition in der Art der abstrakten Malerei. Ebenfalls zu erkennen sind irgendwelche Materialien, die sich aber beim genaueren Hinsehen als blosse Abbilder derselben erweisen: Gold, Wasser, Getreide, Metalle, etc. werden auf einem Computerbildschirm angeordnet, um in riesigen Bildern auf der Plane projiziert zu werden. Nun kommt es zu einem langsamen Zusammenspiel von Aktion und Klang, der sich wie ein Sound-Teppich über die Bühne legt und die Performance begleitet – eine Frau erscheint auf der Plane und mit kriechenden Bewegungen fängt sie an, mit ihren Zähnen an ihrer eigenen Unterlage zu reissen. Wie mit einem Brechwerkzeug setzt die Performance-Künstlerin ihren Kiefer ein, um unaufhörlich die glatte und straff gespannte Plane zu zerreissen; es scheint sie nicht zu kümmern, dass sie mehr und mehr ihr Gleichgewicht gefährdet.

Unschwer erkennt man zwischen dem Minimalismus des Handlungsablaufs und dem barockartigen Dekorum die Metapher des Verhältnisses von Mensch und Umwelt. In einem sich selbst verzehrenden Trieb bringt sich die Menschheit an den Rand des Abgrunds…

Als Nachfahrin sieht sich Anne Rochat in der Tradition derer, die an Grenzsituationen interessiert sind, welche das eigene Leben riskieren. An dieser Stelle soll daran erinnert werden, dass die Kunstform der Performance in seiner Urform die Wahrheit der Handlung dem Glauben an das Kunstwerk als materielles Gut entgegensetzt. Wahrheit gegen Faktizität. Leben oder Tod. Austausch absoluter Werte. Demgemäss erstaunt es nicht, wenn Anne ihre Zähne einsetzt, um zu betonen, es gehe um “eine lebensnotwendige Aktion”.

Eine gewaltige Wut treibt sie an, die Welt im wortwörtlichen Sinn zu zerfleischen. Ihr Schauspiel verweist auf die zerstörerische Spirale einer von einem räuberischen Schub getriebenen Wirtschaft – aber ebenso auf ihre grosse Anziehungskraft. In der Tat schafft die Künstlerin es, über eine reine Zurschaustellung hinauszugehen, die uns nur allzu stark als gewöhnliche Betrachter vom  schauspielerischen Vorgangs ausschliessen würde. Vielmehr errichtet sie eine beinahe liturgische Gesamtheit, die schliesslich alle Anwesenden um eine einzige Protagonistin versammelt. Das Spektakel des sich bewegenden Körpers erinnert an die Trance einer Prophetin unheilvoller Prophezeiungen, die sich zum Schluss selbst opfert. Faszination und Glauben, Kult und Verzauberung – Analogien, die das Handlungsfeld treffend umschreiben. Welche Kühnheit der Künstlerin, in unserem hochglanzpolierten Land in die Haut einer von der eigenen Gier Besessenen zu schlüpfen! Durch ihr Spiel rekonstruiert sie die traurige Wahrheit einer einfachen Verbindung von Ursache und Wirkung. Wie gern würde man diese Verbindung nicht als Ausdruck unserer Indoktrinierung sehen, die uns verleitet, die Folgen unserer Lebensweise auf den Rest der Welt ignorieren zu wollen.

Ein Obdach haben, essen, sich kleiden, sich fortbewegen…alle Aspekte unseres Alltags werden mehr und mehr automatisiert, ziehen aber dennoch menschliches Leid nach sich, dessen wir uns bald entlasten müssen. So offenbart die Performance von Anne Rochat einerseits eine Form sublimierter Frustration – gezeigt durch die wunden-ähnlichen Risse in der Plane – und anderseits werden wir auf uns selbst zurückgeworfen und müssen uns mit unseren halbherzigen Kompromissen konfrontieren, welche das Ausmass unserer Schuld nur kaschieren. Aber warum bloss versuchen wir trotz besseren Wissens ständig den Schein zu wahren? Wird die Realität nicht einfach krasser, wenn wir sie lieber schön gestaltet sehen wollen? Und trotzdem, die Unbarmherzigkeit ist Teil des Lebens – und wir müssen uns ihr weiterhin stellen. Es ist die Unbarmherzigkeit unserer getrennten Welten, die uns unfähig macht, die tiefe Verflechtung aller Dinge auf unserem Planeten zu begreifen. Um aus unserer Trance ausbrechen zu können, bräuchten wir – die wir gleichzeitig so besitzgierig wie besitzlos sind – noch viel Kraft, um allem existierenden Lug und Trug entgegenzutreten…

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