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Konzerne in der Schweiz

 

Die Schweiz – ein Hort von Multis

Mit der Globalisierung und der weltweiten Öffnung der Märkte haben die international tätigen Konzerne enorm an Macht und Einfluss gewonnen. Die Zahl der grenzüberschreitend tätigen Stammhäuser wuchs zwischen 1967 und 2009 von 6‘000 auf 82‘000 und die Zahl ihrer Niederlassungen im Ausland nahm von 27‘000 (1980) auf heute rund 810‘000 zu. International tätige Konzerne erwirtschaften mehr als ein Viertel des weltweiten Bruttoinlandprodukts und kontrollieren, direkt oder indirekt, rund zwei Drittel des Welthandels. [1]


Während die Wirtschaftswelt sich rasant globalisiert hat, bleibt ihre Kontrolle durch Politik und Justiz auf der nationalen Ebene verhaftet. Insbesondere in Entwicklungsländern ist der Staat aber oft nicht in der Lage, den Schutz von Mensch und Umwelt gegenüber den Aktivitäten international tätiger Konzernen zu garantieren. Deshalb stehen auch jene Länder in der Pflicht, die Firmensitze dieser Konzerne beheimaten – Länder wie die Schweiz.


Traditionelle Schweizer Konzerne und ‚Corporate Immigrants‘

Viele multinationale Unternehmen sind in der Schweiz beheimatet. Pro Kopf der Bevölkerung zählt unser Land weltweit die höchste Dichte an international tätigen Firmen und ist Nummer zwei, was die Direktinvestitionen im Ausland betrifft.[2] Zu den von der Schweiz aus operierenden Firmen zählen bekannte Namen wie Nestlé, Novartis, Holcim, Roche, Syngenta oder Triumph.

Die Steuervorzüge und das Aktienrecht machen den Standort Schweiz aber auch attraktiv für immer mehr Zuzüger aus dem Ausland. Zwischen 2003 und 2009 haben 269 ausländische Firmen ihren regionalen oder globalen Hauptsitz in die Schweiz verlagert [3]. Zu diesen ‚Corporate Immigrants‘ gehören beispielsweise Ingenieurfirmen der Ölbranche: Konzerne wie Weatherford, Foster Wheeler oder Schlumberger liessen sich nach dem Zuzug auch gleich noch an der Schweizer Börse kotieren. [4] 2008 zog es auch die Ölexplorationsfirma Transocean in die Schweiz. Einer breiten Öffentlichkeit wurde die Firma und ihr riskantes Geschäft weniger durch ihren Schweizer Börsengang am 20. April 2010 bekannt als vielmehr durch ihre gleichentags explodierte Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko. Viele Zuzüger jedoch bleiben in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt; insbesondere die nicht an der Börse kotierten, privat gehaltenen Firmen. Und einige nutzen dies, um in aller Stille ihren schummrigen Geschäften nachzugehen.


Strukturen, Business und Auswirkungen

Schweizer Konzerne zeichnen sich in der Regel durch ein weitverzweigtes Geflecht von Zweigniederlassungen, Tochterfirmen und Joint-Ventures aus. Während in der Schweiz das Management, Forschung und Marketing angesiedelt sind, findet die Produktion in erster Linie in Entwicklungs- und Schwellenländern statt. In diesen Gegenden warten begehrte Rohstoffe auf ihren Abbau und/oder günstige Arbeitskräfte auf Einsatzmöglichkeiten. Vielerorts übernehmen auch Zulieferfirmen einen grossen Teil der effektiven Produktion. Swisscom beispielsweise tätigt jährlich Einkäufe von mehr als 5 Mia Franken bei 6'500 Lieferanten rund um die Welt.[5]

In Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen oft höher als in der industrialisierten Welt. Die juristischen Strukturen präsentieren sich undurchsichtig und die Instanzen sind mit zu wenig Mitteln ausgestattet, um ihre Aufgabe unabhängig und neutral wahrzunehmen. Korruption grassiert und die Interessen der Machthaber werden geschützt. In Ländern wie der Elfenbeinküste oder der Demokratischen Republik Kongo, wo auch Schweizer Rohstoffhändler, Bergbau- und Ölfirmen Geschäfte abwickeln, haben Opfer von Menschenrechtsverletzungen, Umweltverschmutzungen oder arbeitsrechtlichen Vergehen praktisch keine Chancen, eine Wiedergutmachung durchzusetzen. Dies gilt auch für Freihandelszonen, die Konsumgüter wie Handys, Textilien oder Spielzeuge produzieren, die auch in der Schweiz verkauft werden. Gewerkschaftliche Organisierung wird in diesen Industriezonen oft unterdrückt und die lokalen Behörden verschliessen die Augen vor arbeitsrechtlichen Verstössen, um ausländische Investoren und Grosskunden nicht zu vergraulen.


Schweizer Konzerne im Fokus der Kritik

Schweizer Konzerne werden wiederholt konfrontiert mit Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen innerhalb ihrer Produktionskette.

Glencore [6] muss sich Vorwürfe zu Menschenrechtsverletzungen und der Verschmutzung von Flüssen im Kongo gefallen lassen oder zur akuten Gesundheitsgefährdung von Menschen, die im Umfeld der Kupferminen in Sambia leben.

Nestlé steht seit vielen Jahren in der Kritik. Unwürdige Arbeitsbedingungen auf Kakaoplantagen in verschiedenen Ländern im Westen Afrikas [7], Missachtung gewerkschaftlicher Rechte in Indonesien [8] und Russland [9] sind nur einige Beispiele von Anschuldigungen, die gegen das international tätige Unternehmen vorgebracht werden.

Trafigura hat traurige Bekanntheit dafür erlangt, dass 2006 die „Probo Koala“, ein von ihr gechartertes Frachtschiff, in der Elfenbeinküste hochgiftige Ölabfälle entlud, die schliesslich auf offenen Müllhalden rund um Abidjan landeten. Die erschütternde Bilanz dieser üblen Geschäfte: offiziell 15 Tote und zehntausende von Opfern mit Vergiftungen. [10]

Roche und Novartis standen im Scheinwerferlicht für ihre Testreihen von Medikamenten bei Organtransplantationen in China. Der grosse Teil der gespendeten Organe in China stammt von hingerichteten Gefangenen. Die Schweizer Konzerne konnten keine Angaben machen über die Herkunft der transplantierten Organe. [11]


Klumpenrisiko Rohstoffbranche

Zwischen 1998 und 2010 ist der Handel mit Rohstoffen in der Schweiz geradezu explodiert und hat seine Nettoeinnahmen um den Faktor 15 gesteigert. Sieben der zwölf umsatzstärksten Schweizer Konzerne sind mittlerweile im Rohstoffbereich tätig. Die rohstoffarme Schweiz hat im Handel mit Rohstoffen in den letzten zehn Jahren eine weltweite Vormachtstellung erlangt. Genf hat London als Drehscheibe des Ölhandels abgelöst. 15-25 Prozent des weltweiten Handels mit Rohstoffen laufen heute über die Schweiz [12].

Gerade diese in der Schweiz enorm gewachsene Branche ist bezüglich Risiken für Mensch und Umwelt so exponiert wie kaum eine andere. Die Förderung von Rohstoffen nimmt riesige Landressourcen in Anspruch, benötigt enorme Mengen von Wasser und betrifft damit die Lebensgrundlagen vieler Menschen. Zwei Drittel aller Metall- und Energierohstoffe stammen aus Entwicklungsländern, aus Regionen wo Korruption grassiert und die oft von gewalttätigen Konflikten betroffen sind. Schweizer Rohstoff-Firmen sind an vorderster Front mit dabei, wenn in Libyen oder im Südsudan die Karten neu gemischt werden. Glencore, Trafigura oder Vitol, ursprünglich reine Rohstoffhandelsfirmen, versuchen zunehmend auch in der Förderung aktiv zu werden und drängen mit extremer Risikobereitschaft in die noch freien Märkte in Krisengebieten.


Klare Regeln sind nötig

Doch nicht nur auf Firmen aus dem Rohstoffbereich übt die Schweiz eine grosse Anziehungskraft aus. 2010 liess sich mit Aegis Defence Services eine der weltweit grössten Söldnerfirmen in Basel nieder. Bei dieser stark umstrittenen Branche legt die Schweiz ihre sonstige Zurückhaltung ab und versucht, mit klaren und rechtsverbindlichen Leitlinien die Anziehungskraft des Standorts Schweiz zu vermindern. Der Bundesrat schlägt in seiner in die Vernehmlassung geschickten Gesetzesvorlage ein Verbot für die direkte Teilnahme an Kampfhandlungen (Söldnertum) vor. Für private Sicherheitsfirmen, die Dienstleistungen im Ausland erbringen, fordert der Bundesrat eine vorgängige Meldepflicht ihrer Tätigkeiten [13].

Unverständlich, dass die Schweiz nicht ähnlich zielstrebig und engagiert handelt, wenn es um einen generellen und rechtsverbindlichen Schutz der Menschenrechte und die Einhaltung von Umweltstandards geht. Wenn es um klare Regeln für Schweizer Konzerne geht. Weltweit.



[1]  Laurent Carroué, « Entreprises : le règne des transnationales », L’Atlas des mondialisations, Le Monde/La Vie,
   Hors-Série, 2010-2011, p. 84.

[2]  CIA, World Factbook, www.cia.gov/library/publications/the-world-
   factbook/rankorder/2199rank.html?countryName=Switzerland&countryCode=sz&regionCode=eur&rank=5#sz

[3]Arthur D. Little, Headquarters on the Move – Benchmarking of Global and Regional Headquarters in Switzerland, 2009

[4]www.six-swiss-exchange.com/shares/companies/issuer_list_de.html

[5]www.swisscom.com/fr/gestion-des-acquisations.html

[6]Brot für alle / Fastenopfer, Verträge, Menschenrechte und Steuern : Wie ein Weltkonzern ein Land ausbeutet.
  Das Beispiel von Glencore in der DR Kongo, 2011

[7]Déclaration de Berne, www.evb.ch/fr/p25015942.html

[8]UITA, http://cms.iuf.org/?q=node/851

[9]UITA, http://cms.iuf.org/?q=node/739

[10]UN Menschenrechtsrat, Bericht des Sonderberichterstatters zu Giftmüllexporten und Menschenrechten, 2009

[11]weitere Fallbeispiele zu den schmutzigen Geschäften von Schweizer Konzernen auf www.rechtohnegrenzen.ch

[12]Erklärung von Bern (hrsg.), Rohstoff – Das gefährlichste Geschäft der Schweiz, Zürich, 2011; NZZ am Sonntag, 21.11.2010

[13]Bundesamt für Justiz, Erläuternder Bericht zum Entwurf des Bundesgesetzes über die im Ausland erbrachten privaten Sicherheitsdienstleistungen, Bern, 2011

 


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