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Trafigura

 

  • Hauptsitz: Genf & Luzern (operativ), Amsterdam (juristisch)
  • Branche: Rohstoffe
  • Umsatz/ Gewinn: 79,2 Mrd. US-Dollar (2010)/ 690 Mio. US-Dollar (2010)
  • Besitzverhältnisse: in Privatbesitz des Managements
  • Mitarbeitende: 2‘592 (2010)
  • Präsident: Claude Dauphin

Erst am Morgen des 20. August 2006 konnte die Bevölkerung von Abidjan in der Elfenbeinküste das volle Ausmass der nächtlichen Katastrophe wahrnehmen. In der Nacht war an mindestens 18 verschiedenen Stellen Giftmüll abgeladen worden, der die ganze Stadt in einen grässlichen Gestank hüllte. Zehntausende von Menschen, die unter ähnlichen Symptomen litten, suchten medizinische Zentren in der ganzen Stadt auf. Die Menschen litten unter Übelkeit, Brechreiz, Kopfschmerzen, Unterleibschmerzen, Reizungen der Haut und der Augen sowie einer Reihe von Ohren-, Nasen-, Rachen-, Lungen- und Magenproblemen. Der in Abidjan entsorgte Müll stammte vom Ölhandelskonzern Trafigura. Mit dem Frachter Probo Koala, den die Firma gechartert hatte, wurde der Giftmüll zur Elfenbeinküste transportiert.


Der Ursprung des Giftmülls

Trafigura - 1993 als Unternehmen in privatem Besitz gegründet - ist einer der weltgrössten unabhängigen Ölhändler. Die Firma handelt und produziert Rohöl, Ölprodukte, Metalle und Kohle. Gegen Ende des Jahres 2005 beschloss Trafigura, grosse Mengen Rohbenzin minderer Qualität zu kaufen, sogenanntes «Coker Naphtha». Trafigura beabsichtigte dieses «Coker Naphtha» als günstiges Ausgangsmaterial für Treibstoff zu nutzen, musste zuerst aber einen Weg für die Raffinierung finden. Dies geschah durch einen Prozess, der «Caustic Washing» genannt wird und bei dem Natronlauge mit dem «Coker Naphtha» gemischt wird. Die verbrauchte Lauge erfordert anschliessend eine sorgfältige Behandlung, da sie giftige Bestandteile enthält.
Trafigura wusste, dass mit diesem Verfahren gefährliche Abfallstoffe anfallen würden und dass es weltweit nur wenige Firmen geben würde, die bereit wären, diesen Verarbeitungsprozess durchzuführen. Tatsächlich fand Trafigura dann nur zwei Firmen, eine in den Vereinigten Arabischen Emiraten und eine in Tunesien und probierte es mit beiden. Zwischen Januar und März 2006 wurden «Caustic Washings» auf dem Gelände einer Firma namens «Tankmed» in La Skhirra, einem tunesischen Hafen, durchgeführt. Allerdings entwichen im März 2006 Gase und führten zu ernsthaften Geruchsproblemen. Berichten zufolge mussten drei Menschen in Spitalpflege gebracht werden. Daraufhin verlangten die tunesischen Behörden, dass «Caustic Washings» in La Skhirra eingestellt werden.


Nach der Suspendierung der Verarbeitung in Tunesien beschloss die Firma, das «Caustic Washing» direkt auf See, an Bord eines Schiffes, durchzuführen. Ein Vorgehen, das - soweit bekannt - bisher noch nie so stattgefunden hatte. Bis Ende Juni 2006 waren mehrere Ladungen «Coker Naphtha» auf der Probo Koala «gewaschen» worden und in den Schmutzwassertanks des Schiffs lagerten mehr als 500 m3 Abfall. Nach einer Reihe von Versuchen, den Abfall in verschiedenen europäischen Häfen zu entsorgen, kontaktierte Trafigura die niederländische Firma «Amsterdam Port Services» (APS), um den Müll in Amsterdam zu entsorgen. Am 2. Juli 2006 erreichte die Probo Koala Amsterdam, und APS begann mit dem Entladen der Abfälle auf eine seiner Barken. Ein starker Geruch, der von den Abfällen ausging, führte jedoch dazu, dass sich in der Nähe arbeitende Personen beschwerten. Die niederländischen Behörden wurden herbeigerufen, um die Quelle der Geruchsemissionen zu eruieren. Proben ergaben, dass der Abfall einen viel höheren chemischen Sauerstoffbedarf (CSB) aufwies als ursprünglich angenommen, höher auch als der Wert, aufgrund dessen sich Trafigura und die APS über den Preis für die Entsorgung geeinigt hatten. Ausserdem überstieg der CSB-Wert die Behandlungsmöglichkeiten der Anlagen von APS. Daraufhin bot APS die Entsorgung zu einem wesentlich höheren Tarif an, aber Trafigura lehnte das Angebot ab und forderte, dass der Abfall wieder zurück auf die Probo Koala geladen würde. Nach einem ziemlichen Durcheinander bei den niederländischen Behörden wurde diesem Vorgehen zugestimmt.
Als nächstes lief die Probo Koala den estnischen Hafen Paldiski an. Von dort fuhr sie weiter in Richtung Afrika. Anfangs August 2006 erreichte der Frachter den nigerianischen Hafen Lagos, wo mehrere Versuche scheiterten, den giftigen Abfall zu entsorgen. Schliesslich nahm die Probo Koala Kurs auf Abidjan an der Elfenbeinküste.


Die Entsorgung in der Elfenbeinküste

Am 18. August 2006, einen Tag bevor die Probo Koala in Abidjan eintraf, beauftragte Trafigura die frisch lizenzierte ivorische Firma «Compagnie Tommy» (CT) mit der Entsorgung des Abfalls. Der Vertrag zwischen Trafigura und CT sah vor, dass die Firma den Abfall an einem Ort namens Akouedo abladen würde, und nannte hierfür einen signifikant tieferen Preis als jenen, den APS nach der Probenentnahme offeriert hatte. CT hatte ihre Bewilligung erst einen Monat vor der Ankunft der Probo Koala erhalten und verfügte weder über die erforderliche Infrastruktur noch über Erfahrung im Umgang mit gefährlichen Abfällen.
Am 19. August 2006 traf die Probo Koala in Abidjan ein. Der Abfall wurde auf Lastwagen umgeladen, die von CT gemietet worden waren. Ihre giftige Fracht luden die Lastwagen auf der Müllhalde in Akouedo und weiteren Orten rund um Abidjan – in der Nähe von Häusern, Arbeitsplätzen, Schulen, Getreidefeldern und dem Stadtgefängnis – ab.
Am Morgen des 20. August 2006 bekamen die Menschen in Abidjan die Auswirkungen dieser Abfallentsorgung zu spüren. Zehntausende litten in der Folge unter Übelkeit, Brechreiz, Kopfschmerzen, Unterleibschmerzen, Reizungen der Haut und der Augen sowie anderen Gesundheitsproblemen. Eine medizinische Notfallsituation war die Folge. Bis im Oktober 2006 wurden mehr als 107'000 Menschen in Gesundheitszentren als Personen registriert, die unter den Auswirkungen der Abfälle zu leiden haben. Die ivorischen Behörden erfassten zwischen 15 und 17 Todesfälle. Trafigura hat stets bestritten, dass der Abfall Tod oder schwere Verletzungen verursacht haben könnte.

Fünf Jahre später muss die Bevölkerung in Abidjan immer noch mit dem Erbe der Giftmüllkatastrophe leben. Viele haben bis heute keine Entschädigung erhalten. Ausserdem sind einige Stellen, an denen der Giftmüll abgeladen worden ist, bis heute nicht vollständig gesäubert worden.

Die Versuche, Gerechtigkeit zu erlangen

Elfenbeinküste

Im September 2006 wurden zwei Trafigura-Manager, die nach dem Vorfall nach Abidjan gekommen waren, sowie der Leiter der lokalen Tochterfirma von den ivorischen Behörden festgenommen. Ihnen wurde vorgeworfen, gegen das ivorische Gesundheits- und Umweltgesetz verstossen zu haben. Ausserdem wurden sie der Vergiftung resp. Beihilfe zur Vergiftung angeklagt. In Zusammenhang mit der Abfallentsorgung wurden auch einige Hafen- und Zollbeamte sowie der Direktor der «Compagnie Tommy» angeklagt.

Im Februar 2007 einigten sich die ivorische Regierung und Trafigura auf einen Vergleich, im Rahmen dessen Trafigura - ohne jegliche Haftungsanerkennung - zustimmte, der Elfenbeinküste rund 195 Millionen US-Dollar für Schadenersatzzahlungen und Reinigungsarbeiten zu bezahlen. Zusätzlich wurde ein Betrag für die Freilassung der Trafigura-Manager gegen Kaution bezahlt. Mit dieser Vereinbarung verzichtete die Regierung darauf, Trafigura strafrechtlich zu verfolgen oder Klage gegen Trafigura-Parteien einzureichen. Am nächsten Tag wurden die Trafigura-Manager gegen Kaution auf freien Fuss gesetzt und durften das Land verlassen. Im März 2008 stellten die ivorischen Behörden das Strafverfahren gegen sie wegen ungenügender Beweislage ein.

Grossbritannien

Im November 2006 erhoben mehr als 30’000 IvorerInnen beim Obersten Gerichtshofs in Grossbritannien Zivilklage gegen Trafigura. Die Betroffenen forderten Schadenersatz wegen Körperverletzungen, die sie auf die Giftmüllentsorgung zurückführten. Fast drei Jahre später schlossen die Parteien einen Vergleich, demzufolge Trafigura sich – ohne jegliche Haftungsanerkennung – bereit erklärte, den Geschädigten ca. 45 Millionen US-Dollar auszuzahlen. Die KlägerInnen wiederum verpflichteten sich im Rahmen des Vergleichs, alle künftigen Klagen gegen Trafigura fallen zu lassen, die Informationen vertraulich zu behandeln und eine gemeinsame Stellungnahme zu veröffentlichen.

Niederlande

Im Juni 2008 erhob der niederländische Staatsanwalt Klage gegen Trafigura Beheer B.V. und weitere Parteien wegen illegalen Exports giftiger Abfälle von den Niederlanden nach Afrika. Am 23. Juli 2010 erliess das niederländische Gericht einen Schuldspruch gegen Trafigura Beheer B.V. in zwei Punkten der Anklage. Allerdings beschränkte sich das niederländische Verfahren auf die Handlungen der Firma in den Niederlanden. Potentielle Verstösse in der Elfenbeinküste wurden nicht berücksichtigt. Sowohl Trafigura als auch die Staatsanwaltschaft haben Berufung gegen das Urteil vom Juli 2010 eingelegt.

Frankreich

Am 29. Juni 2007 reichten 20 IvorerInnen mit Hilfe von Anwälten verschiedener französischer und ivorischer NGO beim französischen Staatsanwalt Strafklage ein und verlangten, dass eine formelle Untersuchung eingeleitet und Anklage gegen zwei Trafigura-Manager mit französischer Staatsbürgerschaft erhoben werde. Doch der Staatsanwalt entschied, den Fall nicht weiter zu verfolgen, da die betroffenen Manager von Trafigura keinen engen Bezug mehr zu Frankreich hätten, Trafigura seine Niederlassungen anderswo habe und der Fall bereits in anderen Ländern strafrechtlich untersucht werde.

Schweiz

In der Schweiz, wo der Konzern seinen effektiven operationellen Sitz hat, wurde bis heute - soweit bekannt - keine Untersuchung eingeleitet. Das Schweizer Justizsystem ist dafür schlecht ausgerüstet. 


Links zu weiterführenden Informationen


 

Grafik: Trafiguras "Coker Naphtha Business", Quelle: Erklärung von Bern 2011


 


Fallbeispiel als PDF:

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